Dieses Restaurant, in dem ich gerade sitze, ist bekannt für gutes Essen und den passenden Wein dazu. Ich hab nur Wein bestellt.
Es war ein spontaner Besuch. Niemand ausser der Besitzer des Restaurants kennt mich. Mein ganzes Redegeschickt musste ich einsetzen, um den Wirten davon zu überzeugen, dass ich für das Restaurant schreibe – natürlich waren alle Tische ausgebucht.
Schlussendlich liess er mich aber für einen Drink Platz nehmen. Oder er war es vielleicht auch einfach leid, mit mir zu diskutieren.
Ich nippe also an meinem Rotwein und schaue mich um.
Stift gezückt, Notizbuch offen vor mir, die Seite leer. Auch noch nach 15 Minuten. Das Restaurant ist schöner von innen. Gedimmte Lichter, eine rote Akzent-Wand und Violinmusik geben dem Lokal ein gehobenes Ambiente.
Die meisten italienischen Restaurants sehen von innen schöner aus.
Leider bezahlt mich aber niemand, damit ich Wein trinke und die Atmosphäre bewundere. Ich muss etwas schreiben, das die Leute überzeugt, das Ganze selbst zu entdecken.
Für wen schreibe ich?
Egal ob Poesie, Story oder Werbetext: Bevor du schreibst, musst du wissen, für wen du schreibst.
Noch ein Schluck Rotwein und ich schaue mich wieder um. Diesmal konzentriere ich mich auf die Menschen.
Es scheint, als wäre es ein beliebter Ort für Dates. Viele Tische für zwei, an denen Pärchen sich die Hände halten und sich tief in die Augen schauen. Es hat auch eine Familie. Die Kinder mit gelierten Haaren in aufrechter Position. Fast schon aristokratisch.
In Marketing lernt man schnell, dass es nicht reicht, seine Botschaft basierend auf Annahmen auszuarbeiten. Du brauchst handfeste Daten.
Ich muss wissen, wieso diese Leute dieses Restaurant als ihr Abendlokal gewählt haben.
Natürlich wäre es etwas dreist, mit meinem Notizblock in der Hand ein Date zu unterbrechen. Also versuche ich, die Tische um mich herum unauffällig zu belauschen. Aber in einem solchen Restaurant sprechen alle leise und mit den Köpfen eng zusammen.
Also gehe ich eine rauchen.
Der Typ geht schon zum dritten Mal heute raus. Das Päckchen Winston Blue liegt nicht mehr auf seinem Tisch. Ich werfe meine Jacke über und gehe ihm hinterher.
An dieser Stelle muss ich gestehen: Ich rauche gar nicht.
Ich will auch gar nicht deine Gesundheit auf meinem Gewissen haben oder deine schlechten Gewohnheiten rechtfertigen. Der Titel war nur etwas edgy, um deine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Hat gut geklappt, oder?
Bitte verzeih mir. Ich hab wirklich noch Rat für dich.
Rolle deine eigenen Grüntee-Zigaretten. Kein Nikotin, keine Sucht. Die Menschen in Vietnam machen es schon seit Jahrzehnten so.

Der Mann draussen hat seine glühende Zigarette bereits im Mund. Ich zünde meine eigene Attrappe an.
Ich sage zu ihm: "Ich bin zum ersten Mal hier. Schönes Restaurant."
"Ja, wirklich. Ich komme immer wieder gerne hierhin. Es ist mein Lieblingsrestaurant in ganz Zürich."
Während wir unsere Zigaretten rauchen, frage ich ihn ganz unbekümmert aus. Wieso es sein Lieblingsrestaurant ist, welche anderen Restaurants in der Umgebung er mag und wieso, was dieses Restaurant anders macht, was er nicht so toll findet.
Am Ende hatte ich alles, was ich brauchte.
Ein Online-Fragebogen hätte Standard-Antworten hervorgebracht wie "die Weinauswahl ist top" oder "die Bedienung ist freundlich." Aber da draussen, unter zwei Rauchern, wird kein Blatt vor den Mund genommen.
Raucher:innen kriegen alle Action.
In meiner rechten Jackentasche trage ich immer ein Päckchen American Spirit bei mir. Du wärst überrascht, wie oft ich neue Bekanntschaften schliessen oder Fremde bestechen kann, nur indem ich eine Zigarette anbiete.
Raucher:innen haben ihren eigenen kleinen Klub. Eine kurze, nonverbale Geste – die sich übrigens ganz leicht fehlinterpretieren lässt – reicht schon, um einen Raucher aus einer Gruppe in eine private Unterhaltung zu ziehen. Und wenn ihr dann zu zweit in der Kälte an euren Glimmstängeln zieht, werden alle sozialen Filter fallengelassen.
Versuch's selbst. Roll dir ein paar Grünteeblätter (oder kauf Zigaretten, bin ja nicht dein Vater) und steh zu den Raucher:innen. Du wirst überrascht sein, von was für Unterhaltungen du ein Teil wirst.
Viel Spass!
– Pat